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Wie Zielsteuerung in der öffentlichen Verwaltung tatsächlich steuerungswirksam wird

06.11.2026

Wenn Ziele noch keine Prioritäten schaffen

Ein Whitepaper für Führungskräfte und Verantwortliche in öffentlichen Verwaltungen, die nach praxistauglichen Wegen suchen, Ziele in klare Prioritäten, tragfähige Ressourcenentscheidungen und wirksames Führungshandeln zu übersetzen

Jahresziele sind vereinbart, Maßnahmen geplant, Berichte geschrieben. Und trotzdem entscheidet im Alltag oft die Dringlichkeit darüber, welche Aufgabe Vorrang bekommt. 

Das erleben wir in unterschiedlichen Organisationen der öffentlichen Hand: Ziele haben nur begrenzt Einfluss auf die tatsächliche Steuerung. Dabei sind die Erfahrungen mit Zielsteuerung sehr unterschiedlich. Manche Organisationen haben eine etablierte Praxis, andere beginnen gerade, sich damit zu beschäftigen. Auch innerhalb eines Hauses können die Unterschiede erheblich sein. Eine pauschale Diagnose wird dieser Vielfalt kaum gerecht. Wiederkehrend erleben wir allerdings, dass sich die formale Arbeit mit Zielen deutlich besser entwickelt hat als deren Nutzung für Entscheidungen. 

Ein typisches Spannungsfeld lässt sich an einem Veränderungsvorhaben verdeutlichen: Ein Bereich soll seine Abläufe verbessern und dafür erfahrene Mitarbeitende einsetzen. Gleichzeitig wird ihre Arbeitskraft im Tagesgeschäft vollständig benötigt. Solange die Leitung nicht klärt, welche Kapazitäten für das Vorhaben bereitstehen und wie die laufende Leistung abgesichert wird, bleibt das Entwicklungsziel eine zusätzliche Erwartung. Auch eine präzise Formulierung der Ziele oder ein monatlicher Statusbericht löst diesen Konflikt für sich genommen nicht. 

Dass solche Lücken entstehen, hat nachvollziehbare Gründe. Sie liegen im Auftrag der Verwaltung, in ihren bestehenden Steuerungsmechanismen und in eingeübter Führungspraxis. Nicht in mangelndem Willen. Gleichzeitig zwingen knappe finanzielle und personelle Ressourcen dazu, bewusster zu entscheiden, was zuerst geschehen soll. 

 

Welche Entscheidung fällt aufgrund der vereinbarten Ziele anders aus? 

In Beratungsprojekten halten wir diese Frage für besonders aufschlussreich, an der Antwort lässt sich häufig erkennen, wie eng Zielarbeit und tatsächliche Führungspraxis miteinander verbunden sind. 

Warum Zielsteuerung in der Verwaltung anspruchsvoll ist 

Verfahrenslogik und Ergebnislogik folgen unterschiedlichen Regeln 

Politischer Auftrag und administrative Verantwortung müssen verbunden werden 

Öffentliche Ziele sind häufig mehrdeutig 

Zielsteuerung muss mit den bestehenden Steuerungsverfahren verbunden sein

Abweichungen müssen besprechbar sein  

Warum die Verwaltung Zielsteuerung trotzdem braucht

Diese Schwierigkeiten sprechen dafür, den Einstieg sorgfältig zu gestalten. Zugleich machen sie deutlich, welche Führungsfragen bearbeitet werden müssen. 
Wenn Aufgaben und verfügbare Mittel auseinandergehen, entstehen Entscheidungen darüber, was wann mit welcher Intensität geleistet wird. Die Organisation kann diese Entscheidungen ausdrücklich verantworten oder sie weitgehend dem Arbeitsalltag überlassen. 
Für Mitarbeitende macht es einen erheblichen Unterschied, ob sie selbst zwischen konkurrierenden Erwartungen vermitteln müssen oder sich auf geklärte Prioritäten stützen können. 

Priorisierung findet auch ohne formales Zielsystem statt. Dringlichkeit, Erfahrungswissen und informelle Abstimmung können dabei sinnvoll sein. Problematisch wird es, wenn diese Prioritäten für andere unverständlich bleiben, sich zwischen Bereichen widersprechen oder dauerhaft von den erklärten Absichten der Leitung entfernen. 
Ziele können eine gemeinsame Grundlage schaffen, an der sich solche Entscheidungen prüfen lassen. Gerade bei hoher Arbeitsbelastung hilft das, verfügbare Entwicklungskapazitäten bewusst auf wenige wichtige Veränderungen zu richten. 

Entwicklungskapazitäten gegenüber dem Tagesgeschäft sichern 

Überlastung genauer beschreiben 

Das angestrebte Leistungsniveau klären 

Gewachsene Verfahren überprüfen 

Zusammenarbeit über Bereichsgrenzen hinweg verbessern 

Zielsteuerung ist nicht für jede Aufgabe gleich 

Wie die Zielarbeit ausgestaltet wird, hängt von der Aufgabe ab. 
Bei einer wiederkehrenden Verwaltungsleistung können vereinbarte Leistungsstandards und eine regelmäßige Bewertung weniger Kennzahlen bereits eine geeignete Grundlage bieten.
Bei komplexen Veränderungsvorhaben muss die Organisation stärker mit Annahmen arbeiten und aus Zwischenergebnissen lernen. Ein früher Hinweis darauf, dass die gewählte Vorgehensweise nicht trägt, kann hier für die Steuerung wertvoller sein als ein formal erfüllter Meilenstein. 
Im Steuerungsgespräch geht es dann neben der Frage „Wo stehen wir?“ auch darum, was die Organisation über ihre ursprünglichen Annahmen gelernt hat und was daraus folgt. 

Der angemessene Aufwand ergibt sich aus dem jeweiligen Entscheidungsbedarf und dem Nutzen, den zusätzliche Informationen dafür tatsächlich haben. Ein Zielsystem muss sich durch seinen Beitrag zu besseren Entscheidungen rechtfertigen. 
Digitale und KI-gestützte Auswertungen können helfen, Informationen zusammenzuführen und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Die Entscheidung darüber, welche Prioritäten gelten und welche Konsequenzen aus den Informationen gezogen werden, bleibt eine Führungsaufgabe. 

Fünf Schritte für einen wirksamen Einstieg in die Zielsteuerung

1. Den Steuerungsauftrag und den Einstieg klären 

Zunächst braucht es im obersten Führungskreis eine Verständigung darüber, welche Entscheidungen durch die Arbeit mit Zielen besser werden sollen. Die Leitung muss den Auftrag tragen und bereit sein, bei Zielkonflikten selbst zu entscheiden. 
Dabei wird geklärt, welche Fragen im eigenen Mandat liegen und wer bei weitergehenden Konflikten einzubeziehen ist. Ein begrenzter Einstieg braucht den Rückhalt derjenigen, die über die betroffenen Ressourcen und Prioritäten verfügen. 
Bereits zu Beginn sollte außerdem vereinbart werden, wie die Leitung die Ziele nutzen wird. Verbindlichkeit entsteht, wenn sie diese bei der Bewertung neuer Anforderungen und bei Ressourcenentscheidungen heranzieht. 

2. Wenige gemeinsame Prioritäten und überprüfbare Ziele entwickeln 

Anschließend werden die wichtigsten angestrebten Veränderungen gemeinsam mit den betroffenen Bereichen konkretisiert. Dazu gehören Ausgangslage, gewünschter Zustand und ein Zeithorizont. 
Für die Beurteilung des Fortschritts reichen zunächst wenige geeignete Anhaltspunkte. Bei einem Digitalisierungsvorhaben wäre beispielsweise zu beschreiben, welche Verbesserung für Nutzende oder Sachbearbeitung erreicht werden soll. Die Einführung einer technischen Lösung ist eine Maßnahme auf diesem Weg. 
In diesem Schritt werden auch Priorität und Ambitionsniveau verhandelt. Es muss erkennbar sein, welches Anliegen im Konfliktfall Vorrang erhält. 

3. Verantwortung und Entscheidungsmöglichkeiten zusammenbringen 

Danach wird geprüft, ob die Verantwortlichen die Zielerreichung ausreichend beeinflussen können. 
Wer kürzere Bearbeitungszeiten verantwortet, benötigt Einfluss auf die maßgeblichen Abläufe oder verbindliche Beiträge anderer Einheiten. Bei gemeinsamen Zielen sind diese Beiträge ebenso zu klären wie die Entscheidung bei Konflikten. 
Ergebnisverantwortung muss zu den tatsächlichen Entscheidungsmöglichkeiten passen. 
Hier berührt Zielsteuerung unmittelbar das Organisationsdesign. Für den Einstieg kann es genügen, Entscheidungswege zu klären oder eine bereichsübergreifende Abstimmung verbindlicher zu gestalten. Werden grundlegende Widersprüche zwischen Zuständigkeiten und angestrebten Ergebnissen sichtbar, müssen diese zur weiteren Bearbeitung aufgenommen werden. 

4. Ressourcen und den Umgang mit neuen Anforderungen vereinbaren 

Die Ziele werden nun mit der Ressourcen- und Vorhabenplanung verbunden. Es braucht belastbare Zusagen darüber, welche Arbeitskapazitäten zur Verfügung stehen und welche anderen Tätigkeiten dafür angepasst werden.
Wo dies im eigenen Verantwortungsbereich nicht möglich ist, muss der Konflikt mit konkreten Optionen an die zuständige Ebene gegeben werden.
Ebenso wichtig ist der Umgang mit zusätzlichen Aufträgen. Kommt ein dringendes Vorhaben hinzu, sind dessen Folgen für die bisherigen Zusagen zu entscheiden. Diese Klärung sollte erfolgen, bevor die neue Aufgabe selbstverständlich neben die bereits vereinbarten tritt.
So werden Überlastung und Zielkonflikte zum Gegenstand verantwortlicher Führung. 

5. Fortschritt regelmäßig bewerten und gemeinsam nachsteuern 

Schließlich wird ein fester Rhythmus vereinbart, in dem Fortschritt und Hindernisse mit den entscheidungsfähigen Beteiligten besprochen werden. Dafür lassen sich häufig bestehende Führungsrunden nutzen.
Die Informationen müssen eine ehrliche Bewertung ermöglichen und sollten im Verhältnis zum Steuerungsbedarf stehen. Neben dem erreichten Stand wird geprüft, ob die Maßnahmen zum gewünschten Ergebnis beitragen und welche Nebenwirkungen auftreten.
Aus den Gesprächen müssen nachvollziehbare Entscheidungen folgen. Das kann eine andere Vorgehensweise, zusätzliche Unterstützung oder eine begründete Anpassung des Ziels sein. 
Änderungen werden festgehalten, damit Verbindlichkeit und Lernen zusammenwirken. Nach einem vereinbarten Erprobungszeitraum kann die Leitung auch den Nutzen der neuen Praxis prüfen: Sind Prioritäten klarer geworden? Wurden Ressourcen tatsächlich anders eingesetzt? Konnten Konflikte früher entschieden werden? 

Fazit: Zielsteuerung beginnt mit einer Entscheidung 

Eine Organisation kann ihre Steuerungsfähigkeit schrittweise stärken. Sie beginnt bei einem konkreten Problem und verbindet Zielarbeit mit den dafür notwendigen Veränderungen in Führung und Organisation. 
Ein erster Fortschritt ist bereits erreicht, wenn ein bislang ungelöster Kapazitätskonflikt ausdrücklich entschieden wird und die Beteiligten sich bei ihrer Arbeit auf diese Entscheidung verlassen können. Darauf lässt sich eine weitergehende Zielsteuerung aufbauen. 

Für den Einstieg lohnt sich deshalb weniger die Suche nach einem möglichst ausgefeilten Zielsystem als die Klärung eines konkreten Steuerungsproblems: Wo beanspruchen mehrere wichtige Ziele dieselben Kapazitäten, wer entscheidet diesen Konflikt und woran können sich die Beteiligten anschließend verbindlich orientieren?

Hinter dem Whitepaper steht die Beratungsarbeit von IMAP im öffentlichen Sektor — über zwanzig Jahre Erfahrung mit Organisationen, die unter hoher Komplexität wirksamer werden wollen.

Merlin Klein ist Principal & Partner bei IMAP und Co-Leiter der Business Unit Organizational Excellence. Seit mehr als fünfzehn Jahren begleitet er insbesondere öffentliche Verwaltungen und Organisationen in Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. Dabei ist er getrieben von der Überzeugung, dass Organisationen nicht an fehlenden Konzepten leiden, sondern an der Art und Weise, wie sie mit Komplexität, Verantwortung und Unsicherheit umgehen.
Als systemischer Organisationsberater verbindet er analytische Perspektiven auf Organisationen mit kreativen Methoden der Visualisierung und Beteiligung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Organisationsentwicklung, dem systemischen Transformationsmanagement sowie in der Begleitung von Top-Führungsteams. In der Zusammenarbeit mit Sozialversicherungen, Bundes- und Landesbehörden beschäftigten ihn zuletzt insbesondere die Frage, wie Organisationen mit Komplexität, Steuerungsdruck und zunehmender Regulierung umgehen können, ohne ihre Handlungsfähigkeit zu verlieren.

 Merlin Klein

Merlin Klein

Principal & Partner

klein@imap-institut.de

+49 (0) 211 513 69 73 - 13

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