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Bürokratieabbau als Fitnessprogramm

Der Bedarf an Bürokratieabbau in öffentlichen Verwaltungen ist nicht neu, aber nach wie vor hochaktuell. Deshalb hat unser Organisationsexperte Merlin Klein den 12. Zukunftskongress Staat & Verwaltung in Berlin besucht. In seinem Vortrag zum Thema „Bürokratieabbau als Fitnessprogramm“ hat er relevante Fragen aufgeworfen und nachhaltige Lösungsansätze vorgestellt.

Beim Thema Bürokratieabbau herrscht eine seltene Einigkeit über das Ziel: Alle haben Interesse daran, dass die öffentliche Verwaltung schneller und agiler handelt, insbesondere die Verwaltung selbst. Doch trotz zahlreicher Initiativen scheint das Problem eher anzuwachsen als kleiner zu werden. Gerade unsere systemische Perspektive kann erklären, warum das so ist und wie sich das Problem an der Ursache angehen lässt statt nur auf der Symptomebene. Oder anders gesagt: Warum öffentliche Verwaltungen ein dauerhaftes Fitnessprogramm statt einer bloßen Diät mit „Jojo-Effekt“ benötigen.

 Merlin Klein

Merlin Klein

Principal & Partner

klein@imap-institut.de

+49 (0) 211 513 69 73 - 13

Projekte

Bürokratie ist notwendig. Aber der öffentlichen Verwaltung fehlt ein natürliches Gegengewicht.

Es gibt die weit verbreitete Annahme, dass Bürokratie per se etwas Schlechtes sei. “Bürokratie” ist in vielen Diskursen zu einem unscharfen Kampfbegriff geworden. Übersetzt man Bürokratie als eine Beschreibung von Regelhaftigkeit oder Standardisierung, sieht man, wie wichtig sie für Organisationen – insbesondere die des öffentlichen Dienstes – ist.

Denn Verwaltungen müssen verlässlich agieren, Gleiches gleich behandeln, Entscheidungen dokumentieren und rechtsstaatlich kontrollierbar bleiben. Bürokratie sichert deshalb Gleichbehandlung, schützt vor Willkür, schafft Nachvollziehbarkeit und gibt den Mitarbeitenden Orientierung. Und sie übersetzt politische und rechtliche Anforderungen in konkretes Verwaltungshandeln. Regeln, Zuständigkeiten und Verfahren sind also kein grundsätzliches Problem. Wer Bürokratie nur als Störung beschreibt, versteht nicht, dass sie eine Kernfunktion von buchstäblich jeder ausdifferenzierten Organisation darstellt.

Das Problem entsteht erst dort, wo diese Lösungen sich verselbständigen und Bürokratie ins Übermaß ausufert. Denn anders als in der Privatwirtschaft fehlt der Verwaltung ein natürliches Gegengewicht. Unternehmen unterliegen externen Korrekturimpulsen durch Markt, Kosten, Kunden und Wettbewerb. Wer zu viel Bürokratie aufbaut, wird unwirtschaftlich und ist preislich nicht mehr konkurrenzfähig. In der Verwaltung hingegen kennt Bürokratie theoretisch keine Grenzen.

Die „natürlichen Treiber" der Überregulierung

Doch wie kommt es, dass etwas Sinnvolles immer weiter über sein gesundes Maß hinauswächst? Wie kommt es von der “Regelhaftigkeit” zur “Überregelung”? Für dieses „Verselbstständigen“ gibt es verschiedene Gründe – denen kein böser Wille unterliegt, sondern die für sich genommen gut nachvollziehbar sind.

Lokale Rationalitäten:

Sicherheitsorientierung:

Gleichbehandlungsdruck:

Misstrauens- und Skandallogik: 

Absicherungslogik:

Schnittstellenlogik: 

Sichtbarkeitsasymmetrie

Legitimationsdruck: 

Typische Initiativen haben meist wenig Effekt

Weil der Korrekturimpuls für die wachsende Bürokratie aus der Verwaltung selbst kommen muss, versuchen viele Organisationen genau das. Sie greifen dabei zu intuitiv naheliegenden Ansätzen, die in der Praxis aber meist wenig bewirken oder nur kurzfristigen Erfolg haben.

Ein verbreiteter Ansatz sind Appelle an mehr Risikobereitschaft und Mut, etwa in Führungskräftetrainings zu unternehmerischem Denken. Schnell wird Mitarbeitenden dabei ein Kompetenz- oder Haltungsproblem unterstellt, dabei aber übersehen, dass die Treiber der Überregulierung im System selbst liegen. Wer sich mit einer weggelassenen Prüfung angreifbar macht, wird auch mit einer „angemessenen“ Haltung kaum anders agieren.

Ebenso beliebt ist es, für den Bürokratieabbau neue Bürokratie zu schaffen, etwa durch eine Pflicht zur Prozessdokumentation für alle Abteilungen. Das ist verständlich, schließlich ist das der gelernte Modus von Behörden (s. Lokale Rationalitäten oben). Am Ende produziert dieser Weg aber vor allem wieder mehr Papier, mehr Prozess und eben mehr Bürokratie.

Und schließlich gibt es punktuelle Verschlankungsinitiativen, bei denen in großem Stil Prozesse unter die Lupe genommen und ausgemistet werden. Das kann für eine gewisse Zeit Abhilfe schaffen. Doch die beschriebenen Dynamiken setzt es nicht außer Kraft, weshalb Organisationen danach schnell wieder neue Regeln aufbauen. Solche Initiativen gleichen deshalb eher der Symptombekämpfung.

Vom Reformprogramm zum Fitnessprogramm: Strukturelle Impulse gegen Überregulierung

Soll übermäßige Bürokratie dauerhaft vermieden werden, reicht es nicht aus, ihre Auswüchse zu bekämpfen. Bürokratieabbau ist nicht Entrümpelung allein, sondern Training gegen die eigene Wiederverregelung. Es geht also darum, die Organisation selbst so zu gestalten, dass ihre Tendenz zur Bürokratisierung eingedämmt wird. Wie das konkret aussehen kann, zeigen einige strukturelle Ansätze aus unserer Projektarbeit.

Nutzerorientierte Kennzahlen etablieren: 

Die Machtposition der leistungserbringenden Einheiten stärken: 

Regelgebende Einheiten unter Führung mit Effizienzinteresse stellen: 

Interne Steuerungseinheiten zusammenlegen: 

Abschaffungsroutinen und Verfallsdaten von Regeln etablieren: 

Risiken absichern und neu organisieren:

Bürokratieabbau funktioniert nicht als einmalige Maßnahme. Und er bedeutet auch nicht, jede Form von Bürokratie abschaffen zu wollen. Die moderne Verwaltung braucht Regeln. Und sie braucht Strukturen und Routinen, die für ein gesundes Maß sorgen.

Die vorgestellten Hebel zeigen beispielhaft, wie sich dieser Anspruch strukturell verankern lässt. Alle verbindet der Gedanke, die Organisation selbst in die Lage zu versetzen, ihren natürlichen Hang zur Bürokratisierung zu korrigieren. Nicht die einmalige Diät führt zum Ziel, sondern das dauerhafte Fitnessprogramm.

Der Zukunftskongress hat gezeigt, wie viel Bewegung derzeit in diesem Thema steckt. Wir setzen den Austausch dazu gern fort. Wenn Sie überlegen, wie Ihre Organisation ihr eigenes Fitnessprogramm entwickeln kann, sprechen Sie uns gerne an.

 Merlin Klein

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