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35.000 Perspektiven auf Diskriminierung in Deutschland

18.05.2026

Für die Antidiskriminierungsstelle des Bundes setzt IMAP die bislang größte Befragungsstudie zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland um. In die Studie integriert ist ein selbstentwickelter, Chatbot-gestützter Umfragemodus, der eine tiefergehende qualitative Erhebung und Auswertung ermöglicht. Die Befragung lief von November 2025 bis Februar 2026, derzeit (Mai 2026) sind wir in der Auswertungsphase, für 2027 ist der Abschlussbericht angesetzt.

 Daniel Bartel

Daniel Bartel

Senior Consultant

bartel@imap-institut.de

+49 (0) 211 513 69 73 - 0

Projekte

Was dieses Projekt verlangt

Diskriminierung gehört für viele Menschen in Deutschland zum Alltag. Aber wer politisch dagegen vorgehen will, steht vor einem Problem: Es gibt kaum systematische, belastbare Daten darüber, wo, wie und in welchem Ausmaß Diskriminierung stattfindet. Bereits 2015 hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) mit einer großen Befragungsstudie einen ersten Anlauf unternommen. Zehn Jahre später wird diese Studie nun repliziert und grundlegend weiterentwickelt.

 

IMAP wurde beauftragt, das Projekt umzusetzen – von der Konzeption der Erhebungsinstrumente über die Durchführung der Befragung bis hin zur Ableitung von Handlungsempfehlungen. Die ADS verfolgt damit drei zentrale Ziele:

Datenbasierte Politikgestaltung

Die Relevanz und Schwerpunkte staatlicher Antidiskriminierungsarbeit auf Basis konkreter Befunde begründen.

Öffentlichkeitsarbeit und Sensibilisierung

Das Thema Diskriminierungserfahrungen gesellschaftlich sichtbarer machen.

Zusammenarbeit mit Communities

Zivilgesellschaftliche Organisationen, die im Feld der Antidiskriminierungsarbeit eine zentrale Rolle spielen, aktiv einbeziehen.

Beteiligung als Methode, nicht als Geste

Diskriminierungsforschung stellt besondere Anforderungen. Das Thema ist persönlich, oft schmerzhaft, politisch aufgeladen. Die Menschen, deren Erfahrungen erhoben werden sollen, bringen sehr unterschiedliche sprachliche, kulturelle und lebensweltliche Hintergründe mit. Ein Fragebogen, der diesen Perspektiven gerecht werden will, kann nicht in einem geschlossenen Forschungsteam entstehen.

 

Deshalb wurde der gesamte Forschungsprozess partizipativ angelegt. Insgesamt haben sich rund 400 Organisationen beteiligt: etwa 160 Community-Selbstorganisationen, die in einer oder mehreren Vielfaltsdimensionen arbeiten, eine ähnliche Anzahl weiterer zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie rund 80 Akteure aus Verwaltung, Wissenschaft und Einzelpersonen. Diese Akteure begleiteten und begleiten das Projekt vom Beginn bis zum Ende – inhaltlich, kritisch und gestaltend.

In fünf aufeinander aufbauenden Beteiligungsrunden wurde und wird konkret gearbeitet:

Fragebogenentwicklung 

Inhalte, Formulierungen, Perspektiven schärfen

Soziodemographie

Klären, was über die Teilnehmenden erfragt wird und wie

Erhebung und Mobilisierung 

 Betroffene über die Community-Organisationen erreichen und zur Teilnahme motivieren

Datenauswertung und Interpretation

Ergebnisse gemeinsam einordnen

Handlungsempfehlungen

Auf Basis der Daten konkrete Maßnahmen formulieren

Die Voraussetzung dafür, dass die Ergebnisse nicht nur methodisch sauber, sondern auch von den relevanten Akteur:innen als belastbar anerkannt werden.

Zugänglichkeit und Innovation

Eine Befragung, die möglichst viele Betroffene erreichen will, muss radikal zugänglich sein. Die Studie wurde deshalb in elf Sprachen umgesetzt: Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch und Ukrainisch – zusätzlich in Deutscher Gebärdensprache und Einfacher Sprache. Ergänzend zur Online-Befragung standen Papierversionen in Deutsch und Einfacher Sprache bereit. Der Fragebogen umfasst rund 70 Fragen in fünf Themenblöcken und ist so gestaltet, dass er jederzeit pausiert, beendet oder gelöscht werden kann.

Die Umsetzung der Befragung in Deutscher Gebärdensprache war eine eigene Innovation. Das gab es in dieser Form bislang nicht – und die dabei gewonnenen Erfahrungen und Kompetenzen reichen weit über dieses Projekt hinaus.

CHUM – Eine Befragung, die zuhört

Speziell für diese Studie hat IMAP mit CHUM eine chatbotgestützte Umfragevariante entwickelt, die klassische standardisierte Fragen mit dialogischen Elementen verbindet. Statt ein Formular auszufüllen, führen Teilnehmende ein Gespräch. Freitextantworten werden KI-gestützt analysiert und kategorisiert. Für diese Studie wurde CHUM bewusst konservativ eingesetzt – die öffentliche Aufmerksamkeit war hoch, die Fehlertoleranz niedrig. Die dabei entstandene Infrastruktur lässt sich für zukünftige Befragungen und Beteiligungsprozesse weiterentwickeln. Ein vergleichbares Format gibt es bislang nicht.

 

Reichweite

2015 hatten 18.162 Menschen an der Betroffenenbefragung teilgenommen. Das Ziel für die Neuauflage: mindestens diese Zahl erneut zu erreichen.

 

Am Ende nahmen jedoch mehr als 35.000 Menschen an der Befragung teil – nahezu das Doppelte von 2015. Über 80.000 Besucher:innen erreichten die Online-Befragungsseiten. Und die tatsächliche Reichweite ging weit darüber hinaus: Bundesministerien, große Wohlfahrtsverbände wie Diakonie, Caritas und der Paritätische sowie die Bundeswehr teilten die Befragung über ihre internen Netzwerke. Die Zahl der Menschen, die das Thema Diskriminierung durch diese Studie wahrgenommen haben, liegt im Bereich mehrerer Hunderttausend.

Die Befragung wurde Ende 2025 abgeschlossen, die Auswertung läuft seit Frühjahr 2026. Erste Zwischenergebnisse zeigen, in welchen Lebensbereichen Diskriminierung am häufigsten berichtet wird: Arbeit (28 %), Gesundheit (14 %) und der öffentliche Raum (13 %).

Wie es weitergeht

Die Veröffentlichung der Studie ist für Anfang 2027 geplant. Danach sollen die aufbereiteten Erhebungsdaten auch Organisationen für eigene Auswertungen zur Verfügung stehen. Perspektivisch ist geplant, Dashboards zu entwickeln, die Community-Organisationen befähigen, zielgruppenspezifische oder regionale Auswertungen eigenständig vorzunehmen – ein Werkzeug, das über den Berichtszeitraum hinaus wirkt.

Die Studie dokumentiert nicht nur Diskriminierung. Sie schafft eine belastbare Grundlage für konkrete Handlungsempfehlungen, politische Maßnahmen und gesellschaftliche Sensibilisierung – und sie vernetzt die Akteure, die daran arbeiten.

 Daniel Bartel

Daniel Bartel

Senior Consultant

bartel@imap-institut.de

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